Zehn Jahre voraus dank Pandemie

Anders als frühere Krisen wird 2020 uns um zehn Jahre in die Zukunft beamen. Die Pandemie half mit, das Home Office, automatisierte Lieferketten und den Sinn für das Wesentliche zu optimieren. Effizienzgewinne kompensieren volkswirtschaftlich bald die Covid-Kosten.

Bea Knecht_Porträt
Bea Knecht, Gastautorin
21 Min

Im Frühjahr 2020 zirkulierte in der Tech-Branche ein Brief des kalifornischen Venture-Capital-Fonds Sequoia zur Covid-Krise. Er folgte «Schema F»: Erinne­rungen an die Dotcom- und 9/11 Krise von 2001 und die Finanzkrise von 2008 schwangen mit. Sequoia hat nahegelegt: Schliesst die Luken! Bereitet euch auf den Sturm vor! Downsizing angesagt!

Ich verstehe den Brief von Sequoia. Ich habe selbst von 1998 bis 2007 im Silicon Valley gelebt, gearbeitet und zwei Krisen durchgemacht. Die Dotcom-Krise raffte im Silicon Valley fast alle Startups dahin. Strassen und Restaurants waren leergefegt, ähnlich wie während des ersten Covid-Lockdowns. Hinzu kam dann noch der Schock von «9/11». Ich verliess meinen Arbeitgeber McKinsey & Co und sanierte ein Unternehmen. Ich verhandelte die Kostenbasis herunter, baute ein neues Produkt und fand Investoren.

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Auch Zattoo-Gründerin Bea Knecht arbeitet gerne mehr im Home Office (Bild: zvg)

Aus dieser Erfahrung heraus habe ich 2005 die TV-Streaming-Plattform Zattoo gegründet. Ich machte Tempo. Unser Angebot traf den Geschmack der Benutzer. Wir bauten aus. Wir stellten ein. Wir waren eine kleine Sensation.

Die Finanzkrise 2008 kam unvermittelt. Alle Startups, nicht nur Zattoo, wurden ohne Vorwarnung getroffen. Sie hätten eh keine Chance gehabt, auf Makrobedrohungen zu reagieren. Startups sind mit Nutzerwachstum, Mittelbeschaffung, Produktdesign, Umsatzbewältigung und dem Aufbau einer Organisation vollends beschäftigt.

2009 traute keine Bank der anderen

Da auf dem Markt damals abrupt kein Risikokapital mehr verfügbar war, habe ich im Januar 2009 sogar meine Wohnung in San Francisco verkauft, um die Content-Rechnung von Zattoo zu bezahlen. Das Geld blieb etwa zwei Monate zwischen den USA und der Schweiz blockiert, da sich die Banken gegenseitig nicht mehr trauten. Ich musste Aktien verpfänden, um Cash für die Firma aufzutreiben. Tamedia (jetzt TX Ventures) konnte ich jedoch überzeugen trotzdem einzusteigen. Mit Erfindergeist und Kostendisziplin konnten wir 2010 endlich Fuss fassen. Zattoo wuchs seitdem wie ein KMU mit eigenen Mitteln jährlich etwa um 20 bis 30 Prozent.

Nach der Überwindung dieser Krise habe ich den Verwaltungsrat von Zattoo aufgebaut. Ich habe mich als Präsidentin bis 2019 unter anderem der Aufgabe gewidmet, die Firma krisenresistent zu machen und Gefahrensignale mit Vorlauf zu erkennen. Ich habe Cash gehortet, um dem Unternehmen im Ernstfall helfen zu können. Dann hat die TX Gruppe im April 2019 die Mehrheit übernommen. Ich gab das Präsidium ab. Wir entwickelten die Gesellschaft gemeinsam weiter.

Im März 2020 brach kurz Panik aus

Als ich im Januar 2020 erstmals von Covid hörte, bin ich zunächst erschrocken. Erinnerungen an 2001 und 2008 klangen an. Ich fragte mich: Wie kann Zattoo mit der drohenden Pandemie fertig werden? Es war zu erwarten, dass die Bedrohung dazu führen würde, dass die Werbeindustrie ihre Ausgaben drosselt, verzögert, umbucht oder einstellt. Die Cloud-Systeme von Zattoo und der Telekomanbieter waren nicht darauf ausgelegt, über längere Zeiträume autonom zu laufen. Es waren sogar noch schlimmere Entwicklungen denkbar.

Im Jahr 2020 haben wir dank der Digitalisierung soeben die erste Krise durchlebt, in der wir von Robotern gefüttert und weich gebettet wurden: ein Moment für die Geschichtsbücher.

Bea Knecht, Gründerin Zattoo

Ich fragte Bekannte nach ihrer Einschätzung, darunter eine Führungskraft von McKinsey China im Februar 2020. Im Gespräch kamen wir auf einen prognostizierten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von minus drei Prozent, und das Schweizer BIP fiel dann tatsächlich um etwa drei Prozent.

Kurzfristig sah es noch bedrohlicher aus, aber dann erholten sich erst die Aktienmärkte und dann die Wirtschaft im Laufe des Jahres 2020 viel schneller als erwartet. Die rasche Erholung war möglich, weil wir dank Digitalisierung in der Lage waren, weiter zu arbeiten. Es gab anders als 2001 oder 2008 keine Notwendigkeit für ein Notprogramm bei Zattoo und vielen anderen Tech-Unternehmen. Im Gegenteil: Die Tech-Branche boomte.

Digitalisierung als Lichtblick 2020

Über kurze Zeiträume von drei, vier Jahren werden Innovationen stets überschätzt. Die Dotcom-Krise 2000/2001 erwies sich als eine typische Krise der Ernüchterung nach dem Gartner Hype Cycle Schema der Hype-Crash-Boom-Zyklen. Längerfristig – über eine Dekade hinaus – aber werden Innovationen eher unterschätzt. Im Jahr 2020 haben wir dank der Digitalisierung soeben die erste Krise durchlebt, in der wir von Robotern gefüttert und weich gebettet wurden: ein Moment für die Geschichtsbücher.

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Laut Gartner Hype Cycle folgt auf jede disruptive Technologie nach der übertreibenden Hype- und Crash-Phase eine längere Boom-Phase.  (Bild: Gartner)

Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Verteidigung, Finanzen, Verkehr und Energie waren im 2020 krisenresistenter dank der seit Mitte des letzten Jahrhunderts fortschreitenden Digitalisierung. Sie steht nun endlich in voller Blüte:

Home Office, Cloud, Zoom

Die Pfeiler der Digitalisierung bilden Fernarbeit und Online-Workflows, die in der Cloud abgebildet werden, sowie der Online-Handel.

Die Cloud erlaubt gemeinsames Arbeiten an Briefen, Präsentationen, Tabellenkalkulationen und anderen Dingen. Sie entlastet uns von der Server-Administration und sorgt für eine bessere Lastverteilung und höhere Verfügbarkeit, als wenn wir die Server selbst administrieren würden.

Die Cloud wächst rasant. Büroarbeit wird zunehmend auf Google Docs oder mit Microsoft Office 365 in der Cloud erledigt. Die neuen Sitzungsräume heissen Zoom, Teams oder Google Meet. Privat nutzen inzwischen über eine Milliarde Menschen die Apple Cloud. Für alle Daten-Lasten, die elastisch oder schwankend sind, und für alle digitalen Werkstücke, die von mehreren Akteuren gleichzeitig bearbeitet werden sollen, macht die Cloud Sinn.

Cloud-Architektur spart B2B Kosten 

Zattoo selbst bietet Beispiele für Cloud-Dienste: Anstatt Aufzeichnungen lokal zu speichern, greifen unsere Zuschauer auf unsere Cloud zu. Von vielen Aufnahmen, die alle gleich wären, braucht es im Idealfall nur eine Masterkopie. Das spart Geld. Auch unsere B2B-Kundenbasis, Telekom- und Kabelunternehmen, nutzt Cloud-Dienste: Statt TV-Signale von Satelliten über sogenannte Kopfstellen selbst einzuspeisen, nutzen sie unseren Cloud-Service. Von vielen Tausend Kopfstationen in Europa, welche alle ungefähr das Gleiche machen, wird es letztlich noch eine Handvoll in der Cloud brauchen. Da jede Kopfstation eine Investition von etwa zehn Millionen Franken und laufende Kosten verursacht, spart das eine Menge Geld. 

Online-Handel und Lieferdienste wachsen stark und nachhaltig. Haben Nutzer mit alten Gewohnheiten einmal gebrochen, ein Benutzerkonto eröffnet und online bestellt, ist es für sie ein Leichtes, den vorkonfigurierten Warenkorb nochmals zu bestellen. Hat man das neue Verhalten einmal eingeübt, bleibt man dabei. 

Digitalisierung wiegt Covid-Kosten auf

Das Bruttoinlandprodukt BIP sank im Jahr 2020 um 25 Milliarden Franken – 2021 wird es aber wieder steigen. Aus der Bundeskasse floss eine Kapitalspritze von 70 Milliarden CHF. Nehmen wir diese Summe als Massstab und ignorieren, wie dieses Geld aus der Wirtschaft wieder beim Staat landet, denn das tut es früher oder später. Prüfen wir, ob wir sie innerhalb von zehn Jahren wettmachen können: Das entspräche 7 Milliarden Franken pro Jahr, oder 1 Prozent des Bruttosozialprodukts in der Schweiz von zirka 700 Milliarden Franken.

Wir müssen zehn Jahre lang bloss 10’000 Franken einsparen pro Jahr und Remote Worker, um die 70 Milliarden Covid-Hilfe auszugleichen. Das geht.

Bea Knecht, Gründerin Zattoo

Das geht: Bei angenommenen 700’000 Mitarbeitenden in Remote Work, d.h. Home Office, im Zug, in Lounge Bars oder Coworkings, macht das 10’000 Franken pro Kopf und Jahr. Einsparungen können wir in diesen Bereichen erzielen:

Chance für geographisch enge Schweiz

Für die Schweiz kann Remote Working die Rettung aus unserer geografischen Enge sein. Angestellte können in der ganzen Schweiz oder auch im Ausland geografisch verteilt sein. Wir brauchen uns bei der Rekrutierung nicht mehr auf einen 100 Kilometer Kreis um den Arbeitsplatz zu beschränken. Remote Work öffnet einen grösseren Kandidatenpool für die Rekrutierung und fördert Diversität und Spezialisierung. Damit wird es auch günstiger, in der Schweiz ein Startup zu gründen.

Remote Work erhöht die Mitarbeiterzufriedenheit. Deloitte-Schweiz Studien aus den Jahren 2020 und 2021 zeigen: Mitarbeiter wollen mehrheitlich hybrid arbeiten und keinesfalls die Vorteile des Remote Working aufgeben. Mitarbeiter hatten erheblichen Zeitverlust beim Pendeln – diese Last wollen sie nicht mehr tragen. Sie geniessen die Freiheit, an Orten mit niedrigen Kosten und hoher Lebensqualität zu arbeiten – das eröffnet neue Perspektiven. Sie sparen Zeit durch weniger obligatorische Geschäftsreisen. Kinder erziehenden Elternteilen erleichtert Remote Work den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt dank der Möglichkeit, ihre Zeit gleitend zwischen Büro und Zuhause aufzuteilen.

Macht die Macht der Gewohnheit nun die Vorteile der Covid-Digitalisierung zunichte? Kehren wir zu Feld eins zurück? Wohl kaum.

Bea Knecht, Gründerin Zattoo

Die Präferenzen betreffend Remote Work liegen nicht über alle Altersgruppen gleich, und sie unterscheiden sich auch zwischen Industrien und Ländern. In Japan ist der Verlust der Präsenzkultur eine grosse Herausforderung. Eine Anekdote aus Japan wurde mir zugetragen: Sagt der Chef «Was kann ich mit den zwei Assistenten machen? Darf ich sie nach Hause nehmen?» Dieser Chef hatte noch nie eine Videokonferenz von zu Hause organisiert. Das wurde immer im Büro von Spezialisten erledigt. Für traditionelle Chefs ist Remote Work eine Herausforderung.

IT-Branche Vorreiter bei Remote Work 

Es gab auch schon andere Zeiten: 2013 versuchte die damalige Chefin von Yahoo, Marissa Mayer, die Mitarbeiter von Remote Work wegzubringen. Innovation, meinte sie, geschieht im Dampfkochtopf des Entwicklungszentrums von Yahoo im Silicon Valley. Sie sah Innovation als Kontaktsport. Innovation ist inzwischen online möglich, weil die Arbeitsmittel besser geworden sind.

Die IT-Branche ergreift inzwischen die Chance, den Mitarbeitern mit Remote Work attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten. Sie ist mit Abstand am besten darauf vorbereitet. Andere Branchen entdecken nun auch: Remote Work funktioniert. Die Sicherheit ist besser als befürchtet. Aus dem Private Banking ist bisher kein Skandal bekannt.

70 mal mehr Remote Work möglich

Corona hat mehr getan, um die Digitalisierung der Schweiz zu beschleunigen, als alle digitalen Initiativen, die wir bisher hatten. Von vielleicht 10’000 Remote Work-Arbeitsplätzen in der Schweiz vor der Covid-Krise haben wir einen Sprung auf über eine Million Remote Work-Arbeitsplätze gemacht – bei einer Gesamtbelegschaft von fast fünf Millionen. Wenn wir nun von 700’000 solcher Arbeitsplätze über die nächsten zehn Jahre sprechen, verstehen wir die Grössenordnung des Wandels. 

Die Initiative Digital Switzerland, die Wissenschaftsinitiative CH++Open Data Schweiz, der Branchenverband Asut und weitere können uns helfen, den Schwung aus der Covid-Digitalisierung mitzunehmen. Sie werden mit Inspiration und Know-how-Transfer zum Florieren der Schweiz beitragen.

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Der von Bea Knecht zum fahrbaren Remote Büro umgebaute Camper kombiniert Reisefreiheit mit erhöhter Sicherheit (Bild: zvg)

«Culture eats Strategy for breakfast»

Wir kennen das: eine clevere Strategie wird verkündet, und wir foutieren uns darum, weil wir es anders mögen. Macht die Macht der Gewohnheit nun die Vorteile der Covid-Digitalisierung zunichte? Kehren wir zu Feld eins zurück?

Beginnen wir mit uns selbst. Wir haben gelernt, wie man sich im Home Office organisiert. Ideal wäre ein Zoom-Raum. Wir haben gelernt, besser Essen zu kochen, Samen zu pflanzen, Brot zu backen. Ideal wäre ein eigener Garten. Wir reisen mehr individuell, weniger in Gruppen. Ideal wäre ein Camper.

«Blended Learning» ideal

Wir improvisieren in der Art und Weise, wie wir unterrichten. Ideal wäre ein altersgerechter Mix aus Präsenz- und Online-Unterricht:

Gewinner und Verlierer

Vielleicht sagen wir uns nun nach der dritten Covid-Welle: «Mein Aktiendepot ist gestiegen, meine Immobilie ist jetzt mehr wert, ich brauche mir die neue Arbeitswelt nicht mehr anzutun.» Oder wir wurden ruiniert und können nicht mehr. Durch die Covid-Krise scheiden vor allem ältere Arbeitnehmer aus dem Berufsleben aus. Jede Krise bringt leider nicht nur Gewinner hervor, sondern auch Branchen, gesellschaftliche Gruppen und Individuen auf der Verliererseite.

Damit wir aber die unter dem Strich gegebenen Vorteile der Digitalisierung mit gutem Gewissen nutzen können, müssen wir uns von der Gewohnheit verabschieden, in altmodische Gruppen- und Grossraum-Büros zurückzukehren, in denen wir Kopfhörer tragen müssen, um konzentriert zu arbeiten. Lasst uns stattdessen Büros neu erfinden und die Möglichkeit des Remote Working wohl balanciert weiter nutzen, die uns in während Covid-Krise so gut gedient hat. 

Dieser Essay ist unter anderem Titel in ähnlicher Form auch bei Digital Switzerland erschienen.

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