Vermögend, verliebt, verlassen

Hochvermögende sind eine Risikogruppe, wenn es um die emotionalen und finanziellen Folgen einer gescheiterten Beziehung geht. Das raten Experten.

S.Kleinlein
Stephanie Kleinlein, Redaktion
11 Min

Die ersten Monate einer Partnerschaft sind die aufregendsten und schönsten. Doch während der Hormonspiegel Richtung Wolke sieben schiesst, ist es um die Vernunft oft weniger gut bestellt. Kaum jemand denkt zu dieser Zeit an einen Ehevertrag, Verschwiegenheitsvereinbarungen und andere finanzielle Regelungen, die greifen, wenn aus Partnern Gegnern werden.

Psychologin und Beziehungscoach Daniela van Santen und Rechtsanwalt Daniel Trachsel kennen die emotionalen und finanziellen Konsequenzen einer gescheiterten Beziehung und wissen: Vorsichtige Voraussicht in guten Zeiten kann eine Partnerschaft stabilisieren und einen emotional geführten Rosenkrieg verhindern.

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Van Santen weiss wovon sie spricht. In ihrer Hamburger Praxis berät sie Klienten, deren Seelenleben und Kontostand durch das Ende einer Liebe in Mitleidenschaft gezogen wurden, darunter auch Hochvermögende. Sie stellt fest: Oft werden die entscheidenden Fehler am Anfang gemacht. „Gerade zu Beginn ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen. Niemand möchte den anderen durch Skepsis verprellen“, erläutert sie. Dies führt dazu, dass zu Beginn mehr Zugeständnisse gemacht und unangenehme Szenarien gar nicht erst thematisiert werden. Auch die Hormone trifft eine Mitschuld. Vor allem das Dopamin. Als Glückshormon und Neurotransmitter ist es für das intensive gute Gefühl verantwortlich. Nüchterne Überlegungen sind in diesem Prozess unerwünschte Gegenspieler und echte Spassbremsen.

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Daniela van Santen ist Beziehungscoach in Hamburg und berät Vermögende. © Petra Wedler

Doch sind Vermögende und demnach vermeintlich clevere, mächtige und rationale Menschen vor emotionalen Schwächen nicht grundsätzlich besser gefeit? Nein. Und auch das ist psychologisch erklärbar. Gemäss der Bedürfnispyramide nach Maslow, sind die so genannten Defizitbedürfnisse in diesen Fällen ausreichend gedeckt. Zu ihnen zählen die physiologischen Grundbedürfnisse nach Essen und Schlaf sowie die Sicherheitsbedürfnisse nach einer Bleibe und einem geregelten Einkommen. Sind diese erfüllt, entwickeln sich soziale Ansprüche, wie der Wunsch nach Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Eine Liebesbeziehung gehört zu den Extras. Für sie verlässt man gerne die Sicherheitszone und speziell Reiche und Superreiche denken, dass sie es sich leisten können, etwas auf Spiel zu setzen. Nicht zuletzt weil sie glauben, die Kontrolle jederzeit zurückgewinnen zu können. Wie können sie also ihr Herz und ihr Vermögen effektiv schützen?

Eheverträge sind heute die Regel

Daniel Trachsel ist Rechtsanwalt bei Trachsel Bortolani Partner Rechtsanwälte und Mediatoren in Zürich. Die Kanzlei zählt zu den Top-Adressen für Ehe- und Familienrecht. Ein Ehevertrag oder vergleichbare Vereinbarungen sind heute mehr die Regel als die Ausnahme weiss er aus der täglichen Praxis, denn: „Die Vorteile einer einvernehmlichen Regelung überwiegen, schliesslich ist das Risiko, dass eine Beziehung scheitert, statistisch belegt.“ Er rät besonders Vermögenden dazu, sich lange vor einer ernsthaften Bindung und möglichen Eheschliessung sich im Sinne eines „familienrechtlichen Risikomanagements“ intensiv Gedanken darüber zu machen, wie spätere Konflikte gehandhabt werden können und betont: „Dabei geht es nicht darum, den weniger vermögenden Partner zu diskriminieren. Soweit wie möglich bindende Verträge schaffen Planungssicherheit und entlasten beide Parteien von vornherein.“

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Fachanwalt für Erbrecht und Mediator Daniel Trachsel weiss juristischen Rat, bevor es sehr teuer wird.

Es liebe das Klischee

Zu Beginn einer Beziehung steht oft die Frage, ob jemand für sein Geld oder für sein Mensch-Sein geliebt wird. Sie ist mit dieser Checklist (Achtung, Klischee!) beantwortet: Wusste der zukünftige vom Vermögen des anderen? Deutet der Blick in den Spiegel auf ein Attraktivitätsgefälle hin und ist der ärmere Part zufällig der jüngere und schönere? War bereits die Kennenlernphase gezeichnet von Aphrodisiaka wie ausgefallenen Reisen, teuren Geschenken und einem neuen, exklusiven gesellschaftlichen Umfeld? Selbst wer sich mit grosszügigen Ausgaben zurückhält, kann seinen Vermögensstatus kaum lange verbergen.

Für das Gegenüber kann es in dem Fall schwierig sein zu unterscheiden, was genau die rauschhaften positiven Emotionen auslöst. „Manche sind sich gar nicht bewusst, dass sie sich in ihre neue Rolle verliebt haben“, erläutert van Santen. „Der Weg aus der Bedeutungslosigkeit an die Seite einer vermögenden und einflussreichen Person kann euphorisierend wirken und dieselben biologischen Prozesse in Gang setzen wie das Verliebtsein an sich.“ Die Freude über eine (sehr) teure Handtasche oder das Reitpferd und die Freude über das Wiedersehen mit dem oder der Geliebten ist – was das durch Dopamin in Gang gesetzte Belohnungssystem angeht, dieselbe Freude. Wer kann da noch unterscheiden, ob er in den Menschen oder in das Geld verliebt ist. Daniela von Santen empfiehlt, Probleme dann anzugehen, wenn es sie noch nicht gibt. „Menschen, die vor einer Beziehung sämtliche Szenarien einmal in Ruhe durchgehen, haben einen Leitfaden mit allen Risiken und Lösungen in der Schublade liegen, den sie verinnerlichen und im entscheidenden Moment abrufen können. Gehen Sie zum Anwalt, bevor Sie ihn brauchen“, rät sie.

Genug Zeit zur Willensbildung

Zu einer frühzeitigen Konsultation rät auch Daniel Trachsel. Denn da juristische Vereinbarungen meist sehr komplex sind bedarf die Willensbildung ausreichend Zeit. Deshalb ist es wichtig, dass die Beratung früh, idealerweise mindestens 6 Monate vor der Heirat, einsetzt. Hinzu kommt, dass es in der heutigen Zeit häufig zu Eheschliessungen zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten gibt. Auch verschiedene Wohnsitze spielen bei juristischen Regelungen eine grosse Rolle. So muss zwingend geklärt werden, ob die in Aussicht genommenen Regelungen in verschiedenen Jurisdiktionen verbindlich sind. Als Beispiel nennt Daniel Trachsel den angelsächsischen Rechtsraum. Dort wird beispielsweise verlangt, dass ein Ehevertrag nicht später als vier Wochen vor der Eheschliessung abgeschlossen wurde, dass die Einkommens- und Vermögensverhältnisse beidseits offengelegt werden und dass sich jede Seite durch einen unabhängigen Rechtsbeistand beraten lässt. Wird dies nicht eingehalten, riskiert man, dass der Vertrag in einem Scheidungsverfahren unbeachtet bleibt.“ Auch rät Trachsel, der nicht nur die Fachgruppe „Scheidungsrecht“ des Zürcherischen Anwaltsverbandes geleitet hat, sondern auch Fachanwalt für Erbrecht ist, zu einer ausgewogenen Regelung, in dem die Bedürfnisse beidseitig beachtet werden. „Ein Knebelungsvertrag“, sagt er,  „birgt die Gefahr in sich, dass der benachteiligte Ehepartner früher oder später die Ehe in Frage stellt, was naturgemäss zu Kollateralschäden führt, die weit über das Finanzielle hinausgehen, speziell wenn es um die Kinder geht.“

Verschwiegenheitsvereinbarungen – das diskrete Ende

Auch wenn alle vertraglichen Vereinbarungen im Idealfall reine Vorsichtsmassnahmen sind, so wünschen sich Vermögende nicht nur ein finanziell kalkulierbares sondern auch ein skandalfreies Ende ohne diskreditierende Schlagzeilen. „Emotionalen Verletzungen können zur irrationalen Affekthandlungen führen und auch Geld in Form einer hohen Abfindung ist meist machtlos gegen seelischen Schmerz“, weiss Daniela van Santen. Wer sich verraten fühlt, fühlt sich oft im Recht, wenn er zum Gegenschlag ausholt und sich schlimmstenfalls mit der Presse verbündet. Verschwiegenheitsvereinbarungen, so genannte „confidentiality clauses“ gehören somit praktisch ausnahmslos zu den Klauseln in den Eheverträgen Hochvermögender, bestätigt Daniel Trachsel. Man muss dabei nicht erst aus Schaden klug werden aber in vielerlei Hinsicht ist auch das besser als gar nicht. „Einige meiner vermögenden Klienten, die eine gescheiterte Beziehung hinter sich haben, sitzen schnell wieder bei mir und lassen sich noch in guten Zeiten coachen. Sei es alleine oder gemeinsam mit ihrer neuen Partnerin oder ihrem Partner“, berichtet Daniela van Santen. Eine externe Stimme der Vernunft verhilft eben oft zu mehr Klarsicht in emotionalen Beziehungsangelegenheiten.

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