Hilfe, mein Kind kennt nur reich sein.

Mit dem Fahrer in die Schule. Urlaub in Übersee. Dass ihre Eltern Geld haben, bekommen Kinder unweigerlich mit. Wie man damit gut umgeht, können sie lernen.

S.Kleinlein
Stephanie Kleinlein, Redaktion
8 Min

Dass Eltern ihren Kindern hin und wieder peinlich sind, ist keine Seltenheit. Speziell in der Pubertät. Doch auch Erziehungsberechtigten dürfte es hin und wieder die Schamesröte ins Gesicht treiben, wenn sie ihren Nachwuchs auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen mit Statussymbolen posen sehen. Wie lehrt man also den richtigen Umgang mit (sehr viel) Geld, ohne dem eigenen Kind ein unnatürliches Verhalten anzuerziehen?

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Kinder, die in vermögenden Verhältnissen aufwachsen, müssen nicht zwangsläufig zu Rich Kids werden.

Die Entwicklung von Verantwortungsgefühl und eines moralischen Kompasses ist ein langwieriger Entwicklungsprozess. In der Pubertät steigt mit dem Anstieg des Hormonspiegels auch der Drang im Vergleich mit anderen gut abzuschneiden. Und das sind in dem Fall seltener Kinder aus bescheidenen Verhältnissen. Es sind die Freunde aus der Privatschule, dem Golfclub oder dem Reitverein. Freunde mit Geld und zeitgleich die direkten Konkurrenten im Gefecht um Anerkennung. Wie stark sich ein Kind hier mit dem Geld seiner Eltern profiliert, hängt stark davon ab, wie viel Zugriff und welches Verhältnis es dazu hat.

Familienwerte vermitteln

Jorge Frey ist Senior Partner und Head of Family Governance Marcuard Family Office in Zürich. Er weiss: Wer verhindern will, dass die eigenen Söhne und Töchter zu Rich Kids, Schnöseln oder Diven werden, sollte schon früh mit der «Financial Education» in Kombination mit der Vermittlung von echten Werten beginnen. Wie ist die Familie zu ihrem Vermögen gekommen? Und vor allem: Was hat sie dafür geleistet?

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Jorge Frey ist Experte für Family Governance im Marcuard Family Office Zürich.

Der nächsten Generation den Ursprung des Familienvermögens zu erklären, verdeutlicht den Einsatz und die Arbeitsmoral dahinter. Dies hilft Kindern, diese Werte schätzen zu lernen und sich langfristig auch für deren Erhalt einzusetzen. Besuche im Familienbetrieb oder andere praktische Einblicke wecken Interesse und unterstützen die Identifikation. Der Kontakt zu weniger gut betuchten Menschen ist ebenfalls wichtig. Dazu muss man seine Kinder nicht gleich – wie es Hollywood demonstriert – in ein Krisengebiet schicken. Ein regelmässiger Kontakt zu Gleichaltrigen mit weniger wohlsituierten Eltern lehrt dem Nachwuchs Verhältnismässigkeit und bescheidene Zurückhaltung.

Ferienjobs für finanzielle Eigenständigkeit und Verantwortungsgefühl

Hockey, Fussball, Pfadfindercamps, Community Work oder eine Band sind valable Alternativen zu Segeln, Golf und Heliskiing. Wenn der Nachwuchs sich dennoch zu kostspieligeren Hobbies hingezogen fühlt, kann er auch in diesem Rahmen Verantwortung lernen. Das Segelschiff winterklar zu machen oder die Box des Turnierpferdes selbst auszumisten, ist ein guter Ansatz, der auch von vielen Segel- und Reitlehrern gerne gefördert wird.

Anstatt das gewünschte iPhone oder die angesagte Jacke zu kaufen, können Eltern ihre Töchter und Söhne dazu anregen, sich das Geld dafür selbst zu verdienen, zum Beispiel durch Ferienjobs. Solch eine frühe Gewöhnung an das Verhältnis zwischen (selbst erwirtschafteten) Einnahmen und Ausgaben ist gut für die Selbstbestätigung und der emotionale Wert des Selbst-Gekauften ist unweit höher. Dennoch ist es nicht so, dass es reiche Kinder darauf anlegen, das Geld ihrer Eltern zu verprassen. Kinder sind Nachahmer und wenn die Eltern ihren luxuriösen Lebensstil zur Schau tragen, wird der Nachwuchs es ihnen gleichtun. Die Eltern sind für die Next Generation die wichtigsten Vorbilder. Stehen sie für Fleiss, Sparsamkeit, Bescheidenheit, Soziales Engagement und Umweltbewusstsein, wird es ihnen der Nachwuchs wahrscheinlich gleichtun.

Externe Expertise ergänzt den elterlichen Rat

Viel öfter als angenommen sind gerade Jugendliche mit viel Geld und ihrer Rolle als reiches Kind auch schlichtweg überfordert. So kann es hilfreich sein, externe Expertise mit einzubeziehen. Family Offices setzen heute vermehrt auf einen dedizierten Family Governance Coach innerhalb ihrer Teams. Als Berater steuert er – oder sie – den bewussten Austausch innerhalb der Familie. Denn viel Geld erfordert viel Klärungsbedarf. Wissen die Nachfahren beispielsweise, welche Werte den Eltern wichtig sind? Was vererbt werden soll? Und was die nächste Generation dafür tun müsste? Ist diese bereit für Verantwortung und wenn ja, wann? Eric Sarasin, ehemalige Mitbesitzer und Vize-CEO der einstigen Familienbank Sarasin, gab einst in einer Keynote-Speach preis, dass er erst vollumfänglich vom tatsächlichen Familienvermögen erfuhr, als sein Vater bereits weit über 90 Jahre alt war. Jorge Frey empfiehlt die nächste Generation im Alter zwischen 20 und 30 Jahren an die Struktur des Familienvermögens heranzuführen. Ab diesem Alter macht auch die Unterstützung durch einen externen Berater Sinn, der als Aussenstehender eine neutrale Perspektive vermitteln und diesen Prozess mit seiner Erfahrung leiten und moderieren kann.

Miteinander reden, füreinander dokumentieren

Ein Family Governance Berater ist darauf spezialisiert, individuelle Interviews mit allen Angehörigen zu führen, Familientreffen vor- und nachzubereiten sowie für die Ansprüche der jeweiligen Familie geeignete Kommunikationsplattformen zur Verfügung zu stellen. Früher wurden diese Aufgaben oftmals durch den Hausanwalt der Familie übernommen. Da dieser den Eltern aber meist näher steht als den Kindern, ist er nur begrenzt für diese Funktion geeignet. Die Antworten auf familieninterne Fragen zum Umgang mit Werten und Vermögen werden in einer Charta als Leitbild für alle Familienmitglieder festgehalten. Denn gemeinsame Werte innerhalb einer Familie sind ein wichtiger Motor und geben dem Nachwuchs emotionalen Halt und dieser ist – auch in puncto Vermögen – das wichtigste, was man seinen Kindern mitgeben kann.

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