Hilfe, mein Kind kennt nur reich sein

Wenn ihre Eltern vermögend sind, bekommen Kinder das unweigerlich mit. Wie man damit gut umgeht, können sie lernen.

S.Kleinlein
Stephanie Kleinlein, Redaktion
8 Min

Dass Eltern ihren Kindern hin und wieder peinlich sind, ist keine Seltenheit. Speziell in der Pubertät. Doch auch Mama und Papa kann es die Schamesröte ins Gesicht treiben, ihren Nachwuchs auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen mit Statussymbolen posieren zu sehen. Wie verhindert man also, dass aus den eigenen Kindern verwöhnte „Rich Kids“ werden?

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Kinder sind Nachahmer. Der Umgang der Eltern mit dem Vermögen prägt ihr Verhalten.

Professor Dr. Werner Esser ist Mentor und Coach. In den 30 Jahren seiner beruflichen Laufbahn war er in leitender Position in verschiedenen Internaten tätig, unter anderem als Mitglied des Leitungsteams der Schule Schloss Salem. Dessen Gründervater Kurt Hahn propagierte einst: „Erlöst die Söhne und Töchter reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiertheit.“ Esser findet diesen Vorschlag dann doch zu brisant. Er glaubt: „Wenn man jungen Menschen klar macht, dass sie die Konsequenz aus dem Erfolg sind und keineswegs dessen Ursache, verspüren sie die Verpflichtung, selber Perspektiven zu entwicklen. Dies geschieht weniger durch Intervention, als durch das Schaffen von Rahmenbedingungen, die dazu ermutigen, die eigene Bubble zu verlassen.“

dr. werner esser

Prof Dr. Werner Esser hat die sozialen Dienste als Teil des Service Learnings mit der Begabtenförderung kombiniert.

Konkurrenz im Gefecht um Anerkennung

Tatsache ist: In der Altersgruppe der 14- bis 18-Jährigen ist die Piergroup eine entscheidende Grösse. So sah sich ein Familienvater, der seine Tochter in einem der Top-Internate eingeschrieben hatte, wenig später mit ihrem Wunsch nach einer Rolex konfrontiert. Zum 13. Geburtstag. Jorge Frey weiss, dass das Verhältnis zur Familie eine grosse Rolle spielt, wenn es um die Versuchung geht, den Vorteil „vermögend“ auszuspielen. „Ist dies von Vertrauen und Wertschätzung geprägt, sind die Eltern auch Vorbilder, wenn es um den guten Umgang mit Geld geht“, sagt der Head of Family Governance beim Marcuard Family Office in Zürich. „Herrschen Unstimmigkeiten, ist es wahrscheinlicher, dass sich der Nachwuchs seine Bestätigung in der Clique oder im Internet sucht.“

Jorge Frey Family Governance zum Thema Erziehung reiche Kinder

Jorge Frey ist Experte für Family Governance im Marcuard Family Office Zürich.

Vermögen erklären und Familienwerte vermitteln

Family Offices setzen heute deshalb vermehrt auf dedizierte Family Governance Coaches, die Dialoge zwischen den Generationen moderieren und Jugendliche und junge Erwachsene behutsam in die Vermögensthematik einführen. „Was hat die Familie für ihr Vermögen geleistet und welche Verpflichtungen ist sie eingegangen? Das sind die Fragen, die beantwortet werden müssen“, sagt Frey. Das Verständnis dafür hilft, die vorhandenen Werte schätzen zu lernen und sich langfristig für deren Erhalt und sinnvollen Einsatz einzusetzen.

Kontakt zu weniger Privilegierten fördert das Bewusstsein für das Leben ausserhalb der Welt des Wohlstandes. Dazu muss man Kinder nicht gleich in ein Krisengebiet schicken. Ein Korrektiv bietet eine Form der Pädagogik, die sich Service Learning nennt, eine Kombination aus fachlichem Lernen und gesellschaftlichem Engagement in Form von sozialen Diensten als fester Bestandteil des Stundenplans. Ein Bubble-Opener, der neue Sichtweisen ermöglicht. „Wichtig ist, dass Kinder die Erfahrung machen, dass man Erfolg niemals alleine hinbekommt. Er ist ein komplexes Zusammenspiel von Bedingungen, der nicht nur in Form von Haben, sondern auch in Form von Sein daherkommt“, sagt Esser, der das Service Learning und die Begabtenförderung am Landesgymnasium Sankt Afra in Meissen erfolgreich miteinander kombiniert hat. Auch Ferienjobs vermitteln Kindern das Verhältnis zwischen (selbst erwirtschafteten) Einnahmen und Ausgaben und sind gut für die Selbstbestätigung.

Viel Vermögen. Viel Aufklärungsbedarf.

Wann der Sohn oder die Tochter letztendlich über das Familienvermögen aufgeklärt wird, ist individuell verschieden. „Der Zeitpunkt und der Grad der Transparenz hängt stark von der Reife und der Haltung der Eltern dazu ab“, erklärt Frey. „Tendenziell werden solche Gespräche geführt, wenn die Kinder zwischen 20 und 30 Jahre alt sind.“ Anders lief es bei Eric Sarasin. Der Mitbesitzer der einstigen Familienbank Sarasin, rebellierte gegen seinen Vater, indem er mit einer Karriere als Fussballspieler liebäugelte, anstatt sich ganz auf die Bank zu konzentrieren. Bei einer Keynote-Speech in Zürich gab er preis, dass sein Vater bereits über 90 Jahre alt war, als sie sich gegenseitig das komplette Vermögen der Familie offenbarten.

Halt bieten

Besprechungen dieser Grössenordnung werden meist von Beratern und Family Governance Experten begleitet. Die Antworten der einzelnen Familienmitglieder auf Fragen zum Umgang mit Werten und Vermögen werden notiert und die sich daraus ergebenden Vereinbarungen in einer Charta festgehalten. Das Eingehen von Verpflichtungen gibt auch emotionalen Halt. „Gleichzeitig“, sagt Dr. Esser, „müssen Eltern ihren Kindern auch das Recht geben, zu scheitern. Denn nur dadurch werden Energien frei, die sich in der Bubble nicht entwickeln. Dazu müssen sie Voraussetzungen vorfinden, unter denen sie scheitern können, ohne aus der Kurve zu fliegen. Denn Leitplanke zu sein, das ist der Job der Eltern und Mentoren.“

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